Schiffstagebuch


Samstag, 15.05.1999
Cogolin/Port Grimaud - St. Tropez
08:15 Seit kurz nach Mitternacht sind wir, ich, Walter und Roger mit einem Miet-Diesel-PKW mit Richtgeschwindigkeit+20 auf dem Weg an die französische Mittelmeerküste. Den vierten Platz im Auto nimmt ein riesiger Segelsack ein, der unterwegs gute Dienste als Kopfkissen leistet.
Der andere Teil der Crew, Harald, Axel, Jo und Christian, ist in einem zweiten Auto unterwegs. Wir fahren getrennt; so brauchen wir weniger Zeit zum Einsammeln der Leute.
Bestimmungsort ist St. Raphael, Treffpunkt ist das Espace Bleu um 9:00 Uhr. Bis auf die Stops an den Mautstellen sind wir gut durchgekommen; siebeneinhalb Stunden haben wir gebraucht. Die anderen sind früher losgefahren und schon seit einer dreiviertel Stunde da.
Hier in St. Raphael soll unser Schiff, die 40er Sun Odyssey Saint Amour, Baujahr 1999, liegen. Der Hafen ist groß, aber eine kurze feldmäßig durchgeführte Rasterfahndung und eine Anfrage beim Hafenmeister ergeben schnell: weit und breit keine Saint Amour ..
12:00 .. drei Stunden und fünfundvierzig Minuten nach unserer Ankunft in St. Raphael haben wir auf verschlungenen Pfaden, die sich jedes Versuchs einer Beschreibung entziehen, mehr intuitiv als systematisch unser Schiff in der Marina de Cogolin 'gefunden'; immerhin knapp 30km oder starke 16nm die Küste hinunter ..
Wie auch sonst im Leben, besonders beim Segeln: in der Ruhe liegt die Kraft. ;)
15:15 Unser Problem: Die beiden Mietwagen müssen zurück nach St. Raphael, nur dort hat die imho unsägliche, große schwarz-gelbe Autovermietung eine Filiale. Die Vorgängercrew, die das Boot vierzehn Tage gesegelt hatte und mit eigenen Fahrzeugen angereist war, erklärte sich bereit, uns zurück nach Cogolin zu fahren. Vielen Dank nochmals von dieser Stelle! :) Also Convoi mit drei Fahrzeugen; wir quälen uns auf der Uferstraße nach Nord-Osten, noch einmal volltanken. Um 14:00 Uhr stehen wir bei meiner ganz persönlichen Lieblingsautovermietung :-// vor verschlossener Tür: um 15:00 Uhr geht's weiter .. große Telefonaktion und wir beschließen, Parkplätze zu suchen und bis dahin einen Kaffee zu trinken. Um 15:15 sind wir die Autos endlich los .. und machen uns auf den kurzen, aber beschwerlichen Weg zurück nach Cogolin.
16:30 Ablegen
Das Schiff ist eingeräumt, wir haben die Vorcrew feierlich und beinahe unter Tränen der Rührung ;) und des Danks verabschiedet; das Boot wurde uns in perfektem Zustand übergeben .. nicht selbstverständlich .. :)
Skipper Walter will heute noch nach St. Tropez und wir dürfen endlich die Leinen loswerfen.
Wir segeln noch einen kurzen Schlag hinaus aufs Meer, bevor wir die nahen Hafenfeuer von St. Tropez ansteuern. Wir sind trotz der Anstrengungen der vergangenen 24 Stunden guter Dinge: bei schwachem bis mittlerem Wind von Ost konnten wir 6.5 kn Speed erreichen.
18:30 Ankunft St. Tropez, Liegeplatz B20
Ohne Probleme finden wir einen fast einsamen Liegeplatz; im Verlauf des Abends gesellen sich noch einige weitere Boote zu uns.
Einlaufbier.
Wir sind angemüdet und trödeln etwas, was sich sofort rächt: die Duschanlage schließt um 19:30 Uhr. Gerne hätten wir uns den Schmutz der Anreise abgewaschen, aber morgen ist ja auch noch ein Tag.
Zum Abendessen gehen wir in eine kleine Pizzeria am alten Hafen. Wir sind hier nicht die einzigen, so daß wir einige Zeit auf freie Plätze warten müssen.
23:30 Endlich 'Feierabend' und alle ab in die Koje :) Wirklich alle?
Nein, eine kleine Gruppe unbeugsamer Crewmitglieder, in persona Axel und Harald, macht sich frisch und auf den - wie sich erweisen wird - beschwerlichen Weg, eine Disco zu finden. Diese aber scheint ohne Auto in unerreichbarer Entfernung vor den Toren des Ortes zu liegen.


Sonntag, 16.05.1999
St. Tropez - Cavalaire
08:15 Ausschlafen, Aufwachen, Aufstehen ..
10:45 Einkaufen und Frühstück
Ein Großeinkauf befördert das Frühstück an Bord: tütenweise, wie in Frankreich üblich, Baguette und Zubehör .. wir wecken unsere Lebensgeister im Salon ..
In einer feierlichen Zeremonie läßt sich Harald freiwillig zum dringend benötigten Bordkassen - Beauftragten ernennen ;)
Unser Törnziel ist die Teilnahme am legendären Coupe de Porquerolles am kommenden Sonntag. Porquerolles ist eine der kleinen Iles d' Hyères. Bis dahin ist aber noch Zeit und wir wollen sie nutzen, um so weit wie möglich an der Küste nach Westen zu segeln.
Vorher steht aber noch ein Spaziergang durch die Altstadt von St. Tropez 'auf dem Programm'. Ich mache meinen obligatorischen Gang über den langen Molenarm. Zuletzt sitzen wir fast alle benommen von den Strapazen des Morgens in einem Café am Hafen ..
13:30 Ablegen
Wetter: heiter, warm, Wind ca. 2-3 abnehmend
Wir kreuzen Richtung Toulon. Schnell wird klar, daß wir unter diesen Bedingungen heute nicht weit kommen werden. Walter legt deshalb Cavalaire als Tagesziel fest.
Unsere Geschwindigkeit nimmt stetig ab, bis das Log während der letzten Stunde bis auf 1 kn sinkt .. nur unterbrochen von vereinzelten Möchtergern-"Hammerböen", die kurze 'Zwischenspurts' erlauben und so die Stimmung heben.
19:30 Anlegen

 

Nach sechs Stunden und mit viel Geduld erreichen wir unter Segel(!) den Hafen von Cavalaire 8)

Wir machen problemlos in der modernen Marina fest.

20:20 Gerne nutzen wir für zehn Francs die Duschen in der sehr gepflegten Anlage. Umgekehrt kann verständlicherweise das Ambiente nicht mit dem eines alten Hafens wie St. Tropez mithalten.
Zum Abendessen gehen wir von Bord. Das Spaghetti-Restaurant, ein Geheimtip von Walter, hat leider geschlossen. Wir gehen in ein Restaurant in unmittelbarer Nähe des Hafens. Wir sind zunächst die einzigen Gäste!? Überhaupt ist es sehr ruhig am Hafen. Ich bestelle mir Salat und danach Spaghetti, um die Kalorien für die Herausforderungen des Folgetags zu bunkern.
01:00 Koje, alle .. wirklich alle? Nein, unsere Discotruppe macht sich auf die Suche. ;) Am kommenden Morgen werden sie wissen, daß die nächste Disco très loin diejenige von gestern in St. Tropez ist ..


Montag, 17.05.1999
Cavalaire - Porquerolles
09:00 Aufstehen
Eine Abordnung geht Einkaufen.
10:00 Frühstück
Wir bunkern Frischwasser und hinterlassen die Hafengebür von beachtlichen 141 Francs für unser 11,85 Meter-Schiff.
Wettervorhersage: bedeckt, regnerisch, Wind E 4-6:
also gut Wind zum Segeln bei günstiger Richtung. Gegen 11:30 Uhr wollen wir ablegen.
11:00 Die Restaurantkosten der vergangenen Tage lassen den Beschluß reifen: heute abend wird der Bord-Herd getestet :)
Walter bietet sich als heutiger Chefkoch an; also schnappt er sich ein paar Leute und geht einkaufen. Geschwächt von den Anstrengungen sinkt die Abordnung auf dem Rückweg zum Kaffeetrinken in die Stühle des Hafen-Cafés.
12:15 (!) Nachdem die an Bord Verbliebenen und Wartenden die Einkäufer finden und die Erschöpften von den Stühlen lösen können, sind wir alsbald seeklar.
Der Wind ist stärker als vorhergesagt und steht schräg auflandig vor den Molenarmen.
Ablegen Richtung Toulon bei E 5-6 und starker Bewölkung
Wir beeilen uns, freien Seeraum zu gewinnen. Nur unter Fock im dritten Reff machen wir vor dem Wind gute Fahrt Richtung Westen genau auf die Insel Porquerolles zu.
Der Wind nimmt bei unterdurchschnittlichem Seegang auf starke 7 bis 8 bft zu. Bei dieser Entwicklung und aufgrund der Lage des Hafens zum Wind, entscheidet der Skipper, kein weiteres Risiko einzugehen, und direkt Porquerolles anzulaufen.
15:30 Ankunft Porquerolles
In Lee von Porquerolles erleben wir echte "Hammerböen", die über die Berge der Insel auf das Meer treffen und dichte Gischt über das Wasser treiben. Es wird naß. Gut, daß wir wenig Segelfäche oben haben, sonst würde es das Boot ziemlich legen. Einige Minuten später gleitet die Saint Amour im Schutz des langen Molenarms von Porquerolles durch das nun ruhige Wasser. Wir machen an einem günstigen Liegeplatz fest.
'Amtliche' Messung des Hafenmeisters bei unserer Ankunft: bis 46 kn Windgeschwindigkeit .. hat sich unterwegs vor dem Wind gar nicht so schlimm angefühlt .. leider können wir nicht selbst messen: unser fast nagelneues Boot ist so schnell vom Stapel ins Wasser gefallen, daß keine Zeit mehr war, die Meßanlage einzustellen. Aber unser Windrad rast und überall im Hafen schlagen die Fallen.
Das Wetter vor der französischen Küste ist heiter bis sonnig. Jo & Roger gehen bei 17-18° schwimmen, ansonsten ist gammeln angesagt.
Im Hafen legt neben uns die Virgin Gorda an, eine Sun Fast 42, die mehrere von uns schon früher selbst gesegelt haben; sie hat viel Segelfläche und ist, wie der Name schon sagt, schnell: Erinnerungen werden wach .. Von der französischen Crew kennen wir niemanden.
21:00 Walter zaubert aus den Einkäufen des Morgens seinen legendären "Hörnletopf" :-)) und wir lernen: Wenn Walter mit an Bord ist, verhungert keiner. Und: die Entscheidung fürs Selbstkochen war richtig.
00:30 Koje, alle. Wirklich alle? .. Ja, denn eine kurze Recherche ergibt: Die Piano-Kellerbar in Porquerolles hat geschlossen ;)


Dienstag, 18.05.1999
Porquerolles - Cassis
08:00 Aufstehen
Wetter: heiter bis sonnig und kühl
Von acht frischen Baguettes für die Mannschaft wird heute abend nichts mehr übrig sein.
09:00 Frühstück
10:00 Ablegen, Kurs 275° vor dem Wind Richtung Cassis
Wind ca. 4; Vorhersage E 5-6; bewegte See und aufkommende Bewölkung
Kurz: Es ist Spi-Wetter: Der Inhalt des riesigen Segelsacks, auf dem wir bei der Anreise im Auto geschlafen hatten, kommt zum Einsatz :)
Bei Wind bis 5 kommen wir die 36 Meilen heute sehr gut voran.
16:00

Ankunft im malerischen Hafen vor der Kulisse der Altstadt von Cassis. Mit Mühe finden wir einen Liegeplatz zwischen zwei dicken Motorkreuzern.



Nach kurzem Vesper machen wir uns in mehreren Gruppen auf in die Stadt. Wir tappern durch die Altstadt, erkraxeln die Festung,

welche auf den Felsen über der Stadt trohnt und schließen die Runde über die verbotene,

weil steinschlaggefährdete "Route de Lombarde", um unmittelbar am Schiff vom Hafenmeister abgefangen zu werden: er will tout de suite seine 185 französischen Taler ..
naja, der Hafen mit dem Drumherum ist es alles in allem wert.

Allerdings tüfteln wir eine ganze Weile und legen - wenn ich mich recht erinnere - einige tausend Meter Kabel aus, bis wir Landstrom im Schiff haben ..

.. so wird das Bier für den morgigen Tag über Nacht auf Temperatur gebracht :)

19:30 Nach mehreren(!) Einkäufen holt Walter zu seinem zweiten gewaltigen kulinarischen Schlag aus und zeigt, was mit einer kleinen Bordküche möglich ist:
Es gibt Tomatensalat und Geschnetzeltes mit Reis. Es schmeckt gigantisch und am Ende sind alle Töpfe viel zu schnell leer :)
22:00 Mit gefüllten Bäuchen raffen wird uns noch einmal zu einem Trip durch die Altstadt auf, um für Harald und Axel eine Disco zu suchen, die den Namen verdient. Die Bar am Hafen hat für heute abend eine Show plakatiert, nur auf machen sie nicht. Möglicherweise hat der Bürgermeister derart unanständiges Treiben kurzfristig verboten??
23:30 Wir sinken erfolglos in die Kojen. ;-)
Auf unserem unkonventionellen Liegeplatz im alten Hafen geht es bei dieser Windrichtung heute die ganze Nacht auf und ab. Trotzdem schlafe ich schnell ein.


Mittwoch, 19.05.1999
Cassis - Sanary-sur-Mer
08:15 Aufstehen
Die Dusche am Hafen kostet 15 französische Taler, aber sie ist ihr Geld wert: heiß und genug Wasser.
09:30 Frühstück
Wir haben den westlichsten Punkt unseres Törns erreicht. Einige Meilen westlich von uns liegt Marseille.
Sturm ist angesagt: Mistral, heute noch S 4-5, morgen W 8-9, Freitag W 8-9!
Um, wenn es so kommen sollte, rechtzeitig zur Regatta in Porquerolles zu sein, müssen wir heute so weit wie möglich nach Osten kommen: Walter setzt als Planziel Sanary fest. Spätestens am Samstag abend müssen wir uns in Porquerolles melden. Vorher sind wir noch in Toulon mit Thomas verabredet, der unsere Crew für das Rennen auf acht Mann verstärken wird.
11:00 Leinen los
Wetter: heiter, SE 5, leicht bewegte See
Angesichts der knappen Zeit halten wir unseren Abstecher in die berühmten Calanques eine Meile westlich von Cassis kurz. Schmale Meeresarme reichen dort in tiefen Schluchten weit ins Land hinein.
Unser Ziel zwingt uns bei über 4 auf 3 abnehmendem Wind auf die gegen nachmittag zunehmend schwierige Kreuz nach Südosten.
16:00 Wir sind trotz alledem recht gut vorangekommen und haben die Marina von Sanary-sur-Mer voraus in Sichtweite.
Solange der Wind nicht zu schwach wird, kreuzt die Saint Amour recht ordentlich. Allerdings scheint das Rigg 'verstellt', denn der Unterschied zwischen Steuerbord- und Backbordbug ist beträchtlich: nicht so gut zum Regattasegeln. Und bei wenig Wind geht sie keine gute Höhe :|
Wir beschließen (d.h. überreden den Skipper), die Zeit und den verbleibenden Wind zu nutzen, und im Hinblick auf das Rennen am Wochenende noch ein paar Manöver zu üben. Also fahren wir - Walter will nicht in den Geruch eines 'Ausbildungsschiffs' geraten - ganz weit draußen noch ein paar Achter und erschrecken so Fischer und andere Segler .. :) Die Positionen an Winschen und Schoten werden eingeteilt: wir fühlen uns fit für das Rennen am Sonntag :)
17:00 Anlegen
Unter Vollzeug nehmen wir eine Besichtigung des gut gefüllten Hafens vor, übersehen geflissentlich den gestikulierenden Hafenmeister, um auch den letzten Winkel zu erforschen. Erst dann fallen die Segel und wir drücken uns in den Liegeplatz unserer Wahl. Der Hafenmeister ist freundlich, als er uns die Rechnung über 93 Francs für eine Nacht präsentiert. Die niedrigste dieses Törns und ein gutes Preis - Leistungsverhältnis .. :)
17:30 Wir brechen in Gruppen auf in die Stadt, ich als letzter. Unterwegs treffe ich Harald, Axel und Roger. Roger schließt sich mir an. Ich kaufe Postkarten, Briefmarken und Telefonkarte, dann geht es ins Café sur Plage, einen Kaffee und ein Kokos-Eis schlabbern. Später stößt Walter zu uns. Walter startet als erster wieder, weil er in seinen Plastiktüten die Dinge hat, aus denen Jo und Christian heute das Abendessen zaubern wollen.
20:30 Auf dem Rückweg zum Boot nutze ich die rein zufällig dort stehende Telefonzelle, um daheim Susanne, Sammy und Gwenny anzurufen.
21:00 Abendessen
Es gibt 'Nudeln Bolognese' mit Käse und Gurkensalat mit Radieschen. Unser Kalorienhaushalt ist wieder ausgeglichen.
23:30 Koje, aber nicht alle ..


Donnerstag, 20.05.1999
Sanary-sur-Mer - Toulon
08:15 Aufstehen
08:45 Frühstück
Wettervorhersage: Durchbruch des Mistral gegen Mittag mit W 8-9; er kommt also tatsächlich ..
Walter schlägt vor, daß wir in der noch verbleibenden Zeit versuchen, so weit wie möglich nach Osten Richtung Toulon voranzukommen, und uns, sollte es dann loskacheln, nötigenfalls kurzfristig in einen nahen Hafen verdrücken.
Die zweite Hälfte der Strecke vor Toulon bietet zudem günstigere Bedingungen: Nach Umrundung des Cap Sicié schützt uns das Festland vor dem an diesem Küstenbereich stets aus westlichen Richtungen blasenden Mistral und dem auflaufenden Seegang.
10:00 Ablegen
Der Wind kommt mit starken 4 Windstärken von Südwest. Wir müßten aus der Bucht vor Sanary kreuzen. Um Zeit zu gewinnen, laufen wir unter Diesel bis auf Länge der Ile des Embiez. Dann setzen wir die Segel und nehmen mit halbem Wind und guter Geschwindigkeit Kurs auf 'Kap Sissi' (Originalton Walter).
13:30 Wie angekündigt hatte der Wind seit Mittag kontinuierlich zugenommen und auf West gedreht. Wir hatten ohne Probleme Sissi passiert und in deren Schutz mit dem Cap Cépet die Halbinsel St. Mandrier, die schützend vor der Bucht von Toulon liegt, östlich passiert. Von dort ging es auf die Kreuz zurück Richtung Westen, um die alte Mole des Hafens von Toulon weit im Süden zu passieren. Weiter ging es mit halbem Wind in den inneren Hafen.
Toulon ist der größte Hafen der französischen Mittelmeerflotte. Dementsprechend ist die Dichte von furchterregend großen und schnellen Kriegsschiffen auf dem Weg nach Toulon.
Wir haben es geschafft und dieseln durch den Yachthafen von Toulon. Es ist voll. Der Wind bläst inzwischen mit starken 7 und über die Bucht baut sich bereits eine kleine Welle auf.
Wir müssen mit einem Privat-Platz in Luv in erster Reihe vorlieb nehmen. Es wird ein schwieriges Anlegemanöver: rückwärts mit dem Wind gegen den Steg, Mooring von den Nachbarn falsch belegt. Gut, daß wir genügend Leute an Bord haben.
Das Boot ist festgemacht, aber der Wind steht schräg auf dem Bug. Das Boot liegt schwer am Mooring. Alles ist gesichert, so gut es geht.
Einige Zeit später brechen wir auf, um die Stadt erkunden. Walter hält Wache beim Boot. Der Zugang zum Steg ist verschlossen, so daß Turnübungen nötig sind. Später erhalten wir im Tausch gegen 120 französische Taler einen Schlüssel, der allerdings fast nicht funktioniert.
Ein Nachbar kommt und macht sein Boot sturmfest. Er beschwert sich, daß wir seinen Mooring belegt hätten!?!? Wir sind froh, daß das Boot liegt, wie es liegt und verzichten darauf, ihm anzubieten, das Boot umzulegen. 8)
21:00 Essen an Bord
Harald und Axel haben heute gekocht; es gibt Spaghetti und Salat.
00:00 Koje
Das Singen der Wanten im Sturm begleitet uns in den Schlaf. Nur zwei unermüdliche Schatten hasten forschend und unerkannt durch das nächtliche Toulon ..


Freitag, 21.05.1999
Toulon - Porquerolles
07:45 Die Moorings haben gehalten.
Thomas est arrivée, die Crew hat volle Stärke erreicht. Nach wie vor ist der Wind über 8. Wir frühstücken an Bord. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als den Sturm hier abzuwettern. Später sind alle wieder in der Stadt unterwegs.
Ich kaufe beim Ship Chandler Ersatz für unser Achterlicht, das kurz nach der Übernahme des Boots aus ungeklärten Gründen, d.h. ohne bewußte Gewalteinwirkung abgefallen war!?
Nach Montage und Test geselle ich mich auf einen Kaffee zu Walter, der im Café am Kai auf einem Platz mit Blick aufs Boot sitzt.
Der Sturm scheint etwas nachzulassen.
16:00 Ablegen
Walter hat sich nochmals mit dem Hafenmeister besprochen. Dieser versichert, daß der Wind weiter abnehmen wird. Allerdings hat sich vor der Bucht im Sturm eine Welle von sechs Metern aufgebaut, die wir auf unserem Kurs von achtern zu erwarten hätten.
Wir beschließen, uns auf die 15 sm nach Porquerolles zu machen und werfen die Leinen los. Thomas kann es nicht schnell genug gehen, aber mit Rücksicht auf Boot und Material laufen wir mit abnehmendem, raumem Wind nur unter Fock weiter nach Südosten.
19:30 Anlegen
Nach knapp einer Woche hat uns der Hafen von Porquerolles wieder. Noch ist der Hafen leer, wir finden leicht einen Leeplatz und machen sicher fest. Wir können diesen Platz das ganze Wochenende behalten.
Dramatischere Szenen lassen sich später bei der Belegung der Luvplätze erleben. Die Boote treiben steuerlos durcheinander und breitseits gegen den Steg. Nur starke 'Rettungsmannschaften' auf dem Steg verhindern Schlimmeres.
Wir tappern eine Runde durch den Hafen und den Ort.
00:45 Ich liege in der Koje. Es geht auf und ab, die Dünung steht heute nacht auf der Hafeneinfahrt.


Samstag, 22.05.1999
Porquerolles
08:15 Aufstehen
Einkaufen
09:00 Frühstück
Heute abend läuft ab 18:00 Uhr die Einschreibefrist für das morgige Rennen.
Wir haben Zeit und beschließen hinüber auf die Ile de Port-Cros zu schippern. Es ist sonnig, der Wind bläst mit 1-2 Stärken und die See hat sich über Nacht beruhigt.
10:15 Ablegen
Einige Male brist es auf und das Boot legt sich ins Zeug. So kommen wir bis vor die Ile de Bagaud. Dort schläft der Wind endgültig ein. Um rechtzeitig zurück zu sein, geben wir Port-Cros auf und dieseln zurück nach Porquerolles. Inzwischen ist der Hafen voll.
15:00

Anlegen
Die Sonne scheint, es gibt nichts zu tun und es zieht uns an den Strand. Ich bin später mit Walter verabredet.

17:45 Ich bin zurück beim Boot. Walter ist schon vorgegangen. Ich treffe ihn im Lokal des örtlichen Yachtclubs. Wir erledigen die Formalitäten und erhalten die Startnummer 77. Alle Regattaboote führen im Rennen die Flagge "C" aus dem Notfallset, der Regattafunk läuft auf Kanal 72.
20:00 Es kommt Regattastimmung auf. Im Hafen herrscht nun geschäftiges Treiben. Auf den Vorschiffen türmen sich Kevlarsegel!? Es wird klar: man nimmt die Sache ernst; man rüstet auch hoffnungslose Fälle gnadenlos auf.
Neben uns geht einmal mehr die Virgin Gorda längsseits. Sie hat nun eine deutsche Crew, Walter kennt den Skipper. Das Boot fährt aber morgen das Rennen nicht mit.
Wir haben einen Tisch reserviert und gehen im Ort essen. Die meisten wählen Pizza. Vorher haben wir noch die allerletzten Regatta-T-Shirts 'erbeutet' ..
00:00 Nach einer Runde durch den Hafen gehe ich schlafen. Ein Viertel der Crew jedoch nutzt den Umstand, daß im Ort der Havanna-Club aus gegebenem Anlaß die 'Tore' geöffnet hat ..


Sonntag, 23.05.1999
Porquerolles
08:00 Aufstehen
08:30 Frühstück
Wetter: heiter, wenig Wind
Der Start zum Coupe de Porquerolles ist für 11:00 Uhr angesetzt. Der Startort wird jedoch erst eine Stunde vorher bekanntgegeben. Also kein Anlaß zu Eile ;)
Der Rennkurs führt etwa 25 Meilen einmal um die Insel. Wer die Startlinie nach Umrundung der Insel als erster zum zweiten Mal quert, hat gewonnen. Der Skipper legt am Vorabend die Richtung fest. Wir werden die Insel gegen den Uhrzeigersinn umrunden. Und: es sind auch professionelle Teams dabei, denn der Veranstalter hat eine sechsstellige Siegprämie ausgelobt.
10:30 Vor zehn Minuten treibt plötzlich ein Boot quer vor unserem Bug. Ein Skipper hat sich zwischen den Mooringleinen verfangen. Die Virgin Gorda versucht auszuweichen und fängt eine Leine. Kurz darauf dasselbe bei dem Havaristen vor unserem Bug. Walter beschließt abzulegen, um Platz für die anderen zu schaffen. Wir werfen die Leinen los, mogeln uns durch den verbleibenden Spalt und verlassen den Hafen. Hinter uns wird zu den Schiffsschrauben getaucht .. Glück gehabt ..
Kurze Zeit später fällt der Anker in der Startbucht, wo sich die Konkurrenz bereits formiert. Von den ganz Großen bis zu den ganz Kleinen ist alles vertreten. Wir gehören zu den ganz Kleinen. ;)
Der Start erfolgt traditionsgemäß sitzend vom Strand. Der Skipper hält Wache auf dem Boot, das vor Anker liegen muß. Die Segel sind selbstverständlich unten. Die restliche Crew muß nach dem Start aus eigener Kraft vom Strand zum Boot schwimmen oder im Beiboot paddeln.
11:10 Nach zwei Fehlstarts und erfolgreichem Auffinden des eigenen Boots sind wir auf dem Weg .. Wir sind als eines der ersten Boote segelklar, jedoch: es fehlt der Wind.
Mühsam quält sich das Feld voran. Vereinzelt bläht eine schwache Bö die Segel, aber ansonsten, bieten tausende Quadratmeter herunterhängender Segel ein eher trauriges Bild.
16:00 Die Entscheidung fällt uns schwer. Viele haben vor uns abgebrochen. Wir haben hochgerechnet: bei der bisher vorgelegten 'Geschwindigkeit' würden wir die Ziellinie nachts gegen 2:00 Uhr passieren. Die aber wird bereits um 18:00 Uhr abgeräumt. Und weiter kein Wind in Sicht.
Wir rollen unsere Regattaflagge ein und starten die Maschine.
17:00 Wir passieren einige Boote, die sich noch nicht geschlagen geben wollen, aber ohne Wind hilft auch kein Kevlar. Am Ende steht fest: von über einhundert gestarteten Booten haben nur dreizehn innerhalb des Zeitlimits das Ziel erreicht. Wir sehen die Ziellinie bei spiegelglattem Wasser.
18:30 Die Zeit hat noch zum Duschen gereicht. Wir klettern zum oberhalb von Porquerolles gelegenen Fort Agathe. Dort richtet der Porquerolles Yacht-Club die 'Siegerehrung' aus. Ein Großteil der Preise muß mangels ausreichendem Klassement verlost werden. Die, die es in der Zeit geschafft haben, haben es sich wirklich verdient.
21:30 Auf dem Marktplatz ist 'Feschd'. Die Gruppe 'Orient Express' spielt bekannte Stücke aus Rock und Pop. Die Jungs haben einen guten Sound. Um halb drei geht jedoch mit dem Pink-Floyd-Klassiker 'Another brick in the Wall' das Licht aus ..
03:00 Koje.
Ich habe noch einen Rundgang über die Stege gemacht und mir die friedlich liegenden Boote angeschaut. Schon in wenigen Stunden geht es wieder los, weil wir das Boot an unsere Nachfolger übergeben müssen. Unsere Disco-Könige nehmen mit Walter im Havanna-Club Abschied ..


Montag, 24.05.1999
Porquerolles - Hyères
07:00 Ablegen
Geräusche an Deck: Benommen torkele ich den Niedergang hinauf. Ich sehe einen Schatten, der brummt: 'Ich fahr jetzt los'. Sekunden später nagelt der Diesel, das Boot verläßt seinen Liegeplatz, den Hafen und nimmt Kurs auf Hyères, wo wir unsere Nachfolger erwarten. Einige Mitglieder der Crew erwachen erst, als Porquerolles achteraus im Morgendunst verschwindet. Die Sonne steigt über den Horizont der ruhigen See.
07:45 Anlegen
Der Hafenmeister maunzt herum, wir könnten nicht vor seinem Büro liegenbleiben, und will uns in den hintersten Winkel des Hafens schicken, von wo wir dann Gepäck schleppen dürften. Auf unseren sachten Widerstand hin zeigt er sich gnädig und wir dürfen bleiben, wo wir sind. Nicht ohne die Drohung, auf keinen Fall Frischwasser zu zapfen, sonst würde die Gebühr für eine komplette Übernachtung fällig.
Der Mann ist offensichtlich Profi und kennt sich aus: wir müssen das Boot nun mit Seewasser schrubben und leider in diesem bescheidenen Zustand an unsere Nachfolger übergeben. Sorry dafür. Auf jeden Fall ist der Mann eine echte Werbung für seine Institution.
Das Boot ist ausgeladen und geschrubbt; wir warten auf's Christkind ..
10:00 Die Vorhut unserer Nachfolger taucht auf.
11:00 Nach einer Stunde ist der Mann mit dem Autoschlüssel gefunden und der Bus, der uns heimbringen soll, fährt vor; mit Radlagerschaden, wie uns die Jungs freundlich informieren. Beruhigend .. beste Autovermietung wo gibt halt.
Walter weist den neuen Skipper in das Boot ein. Schnell ist das Gepäck umgeladen und wir bereit zur Abfahrt.
Wir werfen einen letzten Blick auf 'unser' Boot. Es brist auf, die Flaute von gestern ist vorbei .. :|
19:00 Zurück in Karlsruhe
Nach acht Stunden Fahrt können wir die ersten Leute daheim abliefern. Die Kiste lärmt, aber das Radlager hat durchgehalten.
19:30

Walter lädt mich mit meinem Gepäck in der Nordstadt aus, um als letzten Roger nach Bruchsal zu fahren. Zehn Tage auf dem Wasser liegen hinter mir. Susanne, Sammy und Gwenny begrüßen mich. Am Donnerstag wird mein Blick wieder durch die Fenster des Büros nach draußen schweifen; dieser Törn wird dann nur noch Erinnerung sein ..

bis zum nächsten Mal ..